Hartmut Graßl: Klimawandel erzwingt neues Zeitalter und US-Wahl als Wendepunkt
Der Physiker und Meteorologe Professor Hartmut Graßl betont in seiner aktuellen Analyse die Dringlichkeit des Pariser Abkommens. Er warnt davor, dass der menschgemachte Klimawandel bereits ein neues Zeitalter erzwungen hat, das jede natürliche Eiszeit verhindert. Zugleich sieht er in der Wahlniederlage der Republikaner in den USA eine wichtige Korrektur für die globale Klimapolitik.
Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe sowie Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°, hat in seiner jüngsten Kolumne die aktuellen Entwicklungen im Klimawandel scharf kritisiert und gleichzeitig politische Wendepunkte hervorgehoben. Ausgehend von einer Studie des UN-Umweltprogramms (UNEP) zur möglichen Verhinderung einer neuen Eiszeit durch den Menschen, stellt Graßl fest, dass diese Debatte angesichts der aktuellen Realität nur noch „Zierrat“ sei. Durch die massive Erhöhung des Treibhausgases CO2 in der Atmosphäre habe die Menschheit ein neues Klimazeitalter erzwungen, das weit über natürliche Zyklen hinausgehe.
Graßl bezieht sich auf Forschungen zu einer Eiskappe auf der Baffin-Insel im hohen Norden Kanadas. Diese winzige Überrest des einst riesigen Nordamerikanischen Eisschildes, der vor 20.000 Jahren existierte, zeige seit etwa 2.000 Jahren leichte Wachstumstendenzen, nachdem sie in den vorherigen 18.000 Jahren kontinuierlich geschrumpft war. Für einen Klimatologen sei dies jedoch wenig überraschend. In den natürlichen Eiszeit-Zwischeneiszeit-Zyklen des Holozäns benötige der Aufbau großer Eisschilde Jahrzehntausende, während ihr Abbau in etwa 10.000 Jahren rasch erfolge. Die über Millionen Jahre berechenbaren Schwankungen der Erdbahn um die Sonne ließen für die nächsten mindestens 30.000 Jahre keine wesentlich stärkere Vereisung erwarten.
„Deshalb reicht unter diesen Bedingungen eine nur kleine Erhöhung des Treibhauseffekts durch Anstieg des CO2-Gehalts der Atmosphäre aus, um eine lange Zwischeneiszeit Wirklichkeit werden zu lassen“, erklärt Graßl. Da die Menschen den Treibhauseffekt jedoch so stark erhöht hätten, dass man in der Klimageschichte zwei Millionen Jahre zurückblicken müsse, um vergleichbare Werte zu finden, sei das Ende der natürlichen Eiszeit-Zyklen besiegelt. Nach Klimamodellen würde für ein neues Klimazeitalter bereits eine CO2-Konzentration von 280 auf 350 ppm genügen. Der aktuelle Wert liege bereits bei 425 ppm.
Die Folgen dieser Entwicklung sind bereits jetzt dramatisch sichtbar. Eine Studie aus dem Sommer 2026 kommt zu dem Ergebnis, dass mehr als 50.000 Menschen in europäischen Städten an den Folgen extremer Hitze gestorben sind. Rund zwei Drittel dieser Todesfälle werden dem menschengemachten Klimawandel zugeschrieben. Graßl kritisiert scharf die in den Medien nach jeder Hitzewelle führende Debatte über zusätzliche Tote, da diese nur die „soziale Kälte der Gesellschaft“ zeige. Seit dem Hitzesommer 2003 sei klar, dass die meisten Todesfälle vermeidbar wären. Dies gelte insbesondere für Pflegeheime, die annähernd so gekühlt werden müssten wie Supermärkte, sowie für den Schutz von im Freien arbeitenden Personen bei Temperaturen über 30 Grad. Zudem seien städtische Kühlräume und mehr grüne Inseln in Städten notwendig.
Das wichtigste Mittel gegen diese Entwicklung sei jedoch die Einhaltung der seit 2016 völkerrechtlich verbindlichen Ziele des Pariser Abkommens zur UN-Rahmenkonvention über Klimaänderungen von 1992. „Lascher Klimaschutz ist hauptverantwortlich für immer mehr Hitzetote auch bei uns“, so Graßl, ganz zu schweigen von der lebensbedrohenden Hitze in niedrigeren geografischen Breiten.
Mit Beginn der UN-Klimakonferenz COP 31 im türkischen Antalya will die Weltwetterorganisation (WMO) die Wissenschaft in den Mittelpunkt rücken. Die WMO ist seit 1988 zusammen mit dem UNEP die Mutterorganisation des IPCC. Kurz vor dem Erscheinen des Berichts der Arbeitsgruppe eins des IPCC über die physikalische Basis der Klimaänderungen Anfang 2027 werde die WMO diese Chance nutzen, um bei der COP 31 aufzutreten. Graßl weist darauf hin, dass die Klage über die geringe Rolle wissenschaftlicher Erkenntnisse in der Klimapolitik verkenne, dass das völkerrechtlich bindende Pariser Abkommen ohne solche Berichte nicht existieren würde. Auch das deutsche Erneuerbare-Energien-Gesetz, bisher Hauptpfeiler der Energiewende und Vorbild weltweit, gäbe es ohne diese globale wissenschaftliche Basis ebenfalls nicht.
Besonders kritisch äußert sich Graßl zum Irrglauben, neue Rekorde bei Extremwetterereignissen seien schlichte Launen der Natur. Diese Ansicht werde von der größten Oppositionspartei im Bundestag gebetsmühlenartig gegen jede Vernunft behauptet. Internationale Organisationen wie die WMO leisteten hier wichtige Aufklärungsarbeit, indem sie nachdenklichen Bürgern den Weg zu vernünftigem Handeln aufzeigten.
Auch die Wasserverfügbarkeit in Deutschland ist betroffen. Das Land hat ein extrem trockenes hydrologisches Jahr hinter sich, an dem viele Flüsse neue Niedrigwasserrekorde erreichten und das Wasserdefizit sich seit 2015 deutlich verschärft habe. Graßl erklärt, dass Temperatur und Niederschlag sich drastisch in ihrer räumlichen Verteilung unterschieden. Aussagen zu künftigen Wasserparametern wie Niederschlag, Bodenfeuchte, Grundwasserspiegel und Flusspegel seien daher sehr schwierig. Zu beachten seien die unterschiedlichen Zeitskalen – von Minuten für Niederschlag bis zu Jahren für Grundwasserpegel – sowie langfristige Verschiebungen der Niederschlagszonen.
Dennoch sei eine gewisse Reduzierung der Unsicherheit eingetreten. Weil sich die Entwicklung des Antriebs zu künftigen Klimaänderungen laut Beobachtungen des Strahlungsungleichgewichts in den letzten zwei Jahrzehnten nicht mehr so stark anstieg wie zuvor, sehen Wissenschaftler extreme Erwärmungsszenarien und damit extreme Niederschlagsänderungen als unwahrscheinlicher an. Aufgrund von Klimamodellen, die eine annähernd mit dem Antrieb wachsende Niederschlagsänderung berechnen, sei eine Fortsetzung der insgesamt nur moderaten Schrumpfung der Wasserressourcen Deutschlands wahrscheinlich.
Konkrete Daten des Deutschen Wetterdienstes vom September belegen den Trend: Deutschland hat von den jährlich zur Verfügung stehenden durchschnittlich 188 Milliarden Kubikmetern Wasser in der Periode 1961 bis 1990 bis zur darauffolgenden Periode 1991 bis 2020 im Mittel zwölf Milliarden Kubikmeter verloren. Elf der letzten 15 Jahre unterschritten den Mittelwert der Periode 1991 bis 2020 teilweise deutlich, wobei das Jahr 2025 mit weniger als 100 Milliarden Kubikmetern einen besonders niedrigen Wert zeigte. Der Mittelwert der fünf Jahre später liegenden 30-Jahres-Periode bis 2025 liegt in Fortführung des bisherigen Trends schon wieder um rund fünf Milliarden Kubikmeter niedriger.
Als „Überraschung der Woche“ nennt Graßl die außergewöhnlich hohe Wahlniederlage der Republikanischen Partei in den USA. Diese Niederlage im Repräsentantenhaus wie auch im Senat dürfe die Weltpolitik und damit auch die Klimapolitik verändern, weil die USA wieder demokratischer werden könnten. Die hohe Niederlage einer bis dahin demokratischen Partei, die von einem fast autokratisch regierenden Präsidenten gekapert wurde und erkennbar darunter litt, zeige, dass für die Mittelschicht relevante ökonomische Themen wahlentscheidend seien. In diesem Fall habe eine falsche Politik des Präsidenten zu steigenden Energie-, Lebensmittel-, Wohn- und Gesundheitskosten sowie zu einer für viele erkennbaren Korruption in der Regierung geführt.
Die „Bauchlandung der Republikaner“ mit einem Präsidenten, der an die Naturgegebenheit neuer Wetterextreme glaube, mache deutlich, dass die Nichtbeachtung wissenschaftlicher Befunde ein Land nicht nur isoliere, sondern auch so schwäche, dass es auf lange Sicht den Führungsanspruch verliere. Als Europäer hoffe Graßl, dass jetzt die transatlantischen wie auch die internationalen Beziehungen zum Wohle aller demokratischen Länder und des Klimaschutzes wieder gestärkt werden können – und dass dies zu etwas weniger Konflikten in der Welt beitrage.
Z.Paulsen--FFMTZ